Wenn selbst SPon anfängt die Apfel-Tablett-Gerüchte zu einer Story zusammenzubauen, und sich die gadgetgeilen Gerüchtekolportierer NYT schon darauf einschießt, dass Microsoft bereits heute abend auf der CES Apple die Show mit einer serienreifen Version Ihres Courier Tabletts stehlen könnte, wenden wir uns in aller Ruhe dem Wesentlichen zu: Business statt Gadgets.
Schließlich ist die Idee mit dem Tablett PC hardwareseitig alles andere als neu. Apple hat schon vor Urzeiten mit dem Newton und einigen nie veröffentlichen Experimenten am Thema gearbeitet, Microsoft war vor einigen Jahren bereits die treibende Kraft der Neuzeit hinter tastaturlosen Mobilcomputern. Wenn diese frühen Gehversuche auch allesamt auf nervige Stifteingaben angewiesen waren, dürfte sich hier nun – wie auch im Mobilfunkmarkt – auf breiter Front der Touchscreen durchsetzen. Wie auch immer – Formfaktor und Funktionalität einer Hardware interessieren uns in unserer Strategie-Serie zum Tablet weniger, denn eingedenk des aktuellen technologischen Standes dürften die erwarteten Geräte keine revolutionären Überraschungen bereithalten. Anders sieht das beim Interface aus, und da erwarten wir von Apple durchaus Überraschungen, wobei damit Microsoft nach den jüngsten Höhenflügen mit bing und Windows 7 (abgesehen von der skurillen Einführungskampagne …) nicht verfrüht abgeschrieben werden sollte.
Den Unterschied und damit die Entscheidung über Erfolg oder just-another-binned-gadget wird ein Contentgeschäftsmodell machen und nicht die Spezifikations-Listen eines Touchscreen-Computers, und da schätzen wir Apple derzeit auf die Pole-Position. Dafür gabs in den vergangenen Wochen einige neue Anhaltspunkte über die hier und hier berichteten Entwicklungen im Zeitungs- und sog. “Print”-Sektor sowie bei den Buchverlagen hinaus:
1. TV: Anscheinend soll Apple Inc. in der Zwischenzeit neben Zeitungs- und Buchverlagen in den Staaten auch Fernsehsendeanstalten wie Time Warner und Viacom kontaktiert haben um über TV-over-IP Deals zu verhandeln. Eingedenk Steve Jobs Nebenbeschäftigung bei Pixar/Disney sieht es ganz danach aus, als ob Apple mit dem Tablett nach 20 Jahren unsäglichen Industriegeschwafels unter dem Unwort Multimedia nun endlich eine vereinigte Vertriebs- und Auslieferplattform aller gängigen konsumierten Medien anbieten möchte. Was in Deutschland nicht klappen dürfte – man sieht ja bei Premiere/sky wie wenig lukrativ PayTV hierzulande ist angesichts der GEZ-Steuern fürs Staatsfernsehen – sieht der Fernsehmarkt in Amerika anders aus: sollte es den Dealern mit dem angefressenen Apfel im Firmenschild gelingen durch sensible Preisangebote, einige der großen Fernseh-Networks zur (live?) Ausstrahlung auf das Tablett (bzw in den iTunes Musik/Medien Store) bekommen, kämen die hochprofitablen Kabelanbieter in den Staaten auf einen Schlag mächtig unter Druck. Von den Verhandlungen haben gleichlautend sowohl die FT als auch das WSJ berichtet. Ob sich die großen Broadcaster darauf einlassen ist allerdings weitaus schwieriger einzuschätzen als bei den Verlegern, denen der Kalk von den Wänden, an denen sie mit dem Rücken stehen, die Schultern apple-weiß gefärbt hat: Würden die Stationen Apple die Tür, ggf. für eine höhere fee pro Abonnent öffnen, während Apple das Abo günstiger als die “Cables” abgäbe, wären die Distributoren – die im übrigen auch die Werbezeiten handeln, sicher mächtig vergrätzt. Da geht es um richtige Milliarden.
(In diesem Zusammenhang müssen wir das Thema Hardware dann doch noch mal streifen: Sollte an den Fernsehgeschichten was dran sein müßte das Gerät in irgendeiner Form noch drahtlos Kontakt mit dem heimischen Flatscreen aufnehmen können um sozusagen nicht nur die Medien, sondern auch gleich die Fern- und Nahbedienung in einem Gerät zu vereinen. Vielleicht würde in diesem Zusammenhang ja auch die Plattform Apple TV noch etwas weiter zum MediaServer aufgebohrt. Aber das ist eine anderes Thema …)
2. Zurück zur Werbung in TV und Non-TV Medien: In unserer spekulativen Analyse vom 2. November brachten wir die bekanntgewordenen Patente bzgl. eines modifizierten MacOSX, dessen Betrieb vom zwangsweisen Konsum von Werbeeinspielungen abhängt, (übrigens als erstes Medium überhaupt höhö) mit dem Apple Tablet in Verbindung. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Apple Quattro Wireless, den führenden Anbieter mobiler Werbeanwendungen mit einer ziemlich ausgefeilten Targeting-Technologie für 275 Mio USD gekauft hat. Aus der Selbstdarstellung des Unternehmens:
Leading companies including P&G, Ford, NetFlix, Time Inc., Visa, Disney, NHL, Edmunds, CBS Interactive and Hachette Media partner with Quattro Wireless because the company has turned the art of engaging and converting mobile consumers into a repeatable science.
Dazu muß man sich erinnern, dass Apple Ende letzten Jahres bereits für AdMob bot (ebenfalls mobile Werbedienste), die letztlich an Google gingen. Dort steht allerdings noch die kartellrechtliche Prüfung durch die Behörden aus.
Conclusio: mit den neuen Fakten ergibt sich allmählich ein klareres Bild über die Strategie hinter dem Apple Tablet. Abgesehen vom Frontend (der Hardware) haben wir an Bord: Zeitungsverlage, Medienmarken, ggf. Fernsehstationen, evtl. ein auf gezielte Werbedistribution ausgelegtes Betriebssystem, einen Spezialanbieter für mobile Advertising, einen maßlos erfolgreichen Musik/Film/TV Onlinestore und abertausende Programme im Appstore für iPhone und iPod Touch. Im Hintergrund wird aggressiv an exklusiven Contentdeals gearbeitet, die Nachrichtensperre innerhalb von Apple Inc. scheint derweil noch hermetischer als vor dem Launch des ersten iPhones wie selbst John Gruber beklagen muß (danke superdad!) – das klingt danach, als ob es Steve Jobs diesmal so richtig wissen will. Jahrelang wurde darüber spekuliert ob Apple nicht Sony kaufen würde oder wenigstens sollte. Diese Überlegungen wurden hauptsächlich von dieser romantischen Parallele gespeist, dass heute der iPod das ist, was der Walkman einmal wahr. Romantisch deshalb, weil es wieder mal eine isoliert gedachte Hardwareüberlegung ist, die von den üblichen Apple-Bloggern dann auch noch um die PowerPC Prozessoren in der PS3 mit Zuckerguß versüßt wurde, die rein gar nichts bedeutet. Mit all den Tablett-Krümeln die wir jetzt kennen muß man fragen: wozu? Steve Jobs macht gerade sein eigenes Sony. Sollte das was wir hier vermuten nur ansatzweise funktionieren, stehen diverse Medien- und Unterhaltungselektronik-Lieferanten vor einigen Herausforderungen. Und mit einer Träne im Knopfloch muß man noch hinterherwerfen, dass Sony eigentlich die viel bessere Ausgangsposition hatte, sogar noch in den 90ern: Unterhaltungselektronik, PC-Hardware, Spielekonsole und massenweise eigenen Musik- und Filmcontent … und heute? Sony am Boden, intellektuell wie finanziell und Apple sitzt auf Barreserven von weit über 20 Mrd USD. Wenn wir Finanzanalysten wären, würden wir die Apple-Aktie auch 2010 noch im Aufwärtstrend sehen …
Gewiss ist jedenfalls dass wir bald genaueres wissen werden: Laut der FT erscheint ein Vorstellungstermin des neuen Apple schon am 26. Januar wahrscheinlich, nicht zuletzt um Entwicklern bis zum vermuteten Verkaufsstart Mitte bis Ende März ausreichend zeitlichen Spielraum für Software oder deren Anpassung (sprich ggf Apps aus dem iPhone Store?) zu geben. Was für ein Mammutprojekt. Wir bleiben dran.
[Update 07.01.09: Oh je - Microsoft hat tatsächlich ein Tablett vorgestellt. Reine Hardware, und das auch noch im Prototypenstadium, erst ab Mitte des Jahres erhältlich. Einziger strategischer Clou ist das man wohl amazon-e-books laden kann und das Teil somit als Kindle-Ersatz nutzen darf. Ballmers Miene spricht Bände.]




































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